Zweierlei
Augen
Der
Mächtige will das Gotteskind vernichten; die Wissenden haben
verlernt, das Gotteskind zu suchen. Es bleibt die kleine Gruppe der
Sterndeuter
aus dem Osten. Man
kann sich vorstellen, dass sie aus einem der großen Kulturzentren
Persiens oder des Zweistromlandes gekommen sind,
in
der Wissenschaft von den Sternen ebenso bewandert wie in
verschiedenen Formen der Gottesverehrung. Sie suchen den verheißenen
König von Israel, der zugleich der König der ganzen Erde sein soll.
Auch sie sind Gelehrte, aber solche, die gehen und suchen, die
demütig bei den Verwaltern der jüdischen Tradition anfragen und
sich auf den Weg nach Bethlehem weisen lassen.
Der
unerwartete Aufgang des Sterns gibt ihnen Bestätigung. Er zeigt
ihnen aber natürlich nicht das richtige Haus, - und es wird mehr als
einen kleinen Knaben in Bethlehem gegeben haben. Um den richtigen zu
finden, müssen sie sich auf ihr Gespür verlassen. Und dieses Gespür
führt sie in ein ganz gewöhnliches Haus, mit einer
nicht
weiter auffälligen jungen Mutter und einem Kleinkind, wie es viele
gibt. Aber mit den Augen des Herzens sehen sie: das ist Er!
Und sie fallen nieder, huldigen dem Kind und bieten an, was sie
mitgebracht haben. Und dann? Man könnte sich denken, dass sie als
Hauslehrer, Beschützer und Verehrer in Bethlehem geblieben wären,
wenn sie ihn schon gefunden haben, den sie suchten. Nichts von all
dem.
Sie
gehen einfach wieder heim. Und das ist das Zeichen, dass sie wirklich
kapiert haben, was sie in Bethlehem gesehen haben, dass sie wirklich
gefunden haben. Was haben sie erfasst? Dass Gott, wenn er in so
unscheinbaren menschlichen Verhältnissen in Bethlehem sein kann,
auch in ihrer fernen Heimat nicht weit weg sein kann.
Wir
Deutschen nennen die Sterndeuter die „heiligen drei Könige“, und
mit Recht. Denn es sind Menschen mit einem königlichen Herzen. Das
heißt: mit einem untrüglichen Gespür für das wahre Königtum, das
gewaltlos und in großer Schlichtheit in Erscheinung tritt – und
sich so gleich wieder für die Augen der meisten verbirgt. Wahrhaft
eine seltsame „Erscheinung“! Kein Glanz, kein Wunder, nichts
Spektakuläres oder Sensationelles. Aber gerade das ist das
Wunderbare: Gott ist da, mitten in unserer Alltäglichkeit und
menschlich-allzumenschlichen Gewöhnlichkeit, - in ihr und unter ihr
– mit uns auf dem Weg zu ihm. Die Fremden aus dem Osten haben das
erfahren dürfen. Und sie freuten sich mit großer Freude. –
Wünschen
wir heute einander auch etwas von dieser großen Freude am Erscheinen
Gottes in der Unscheinbarkeit unseres gewöhnlichen Menschenlebens!
Gedanken
von Gerd Haeffner